Reisebeginn im schwedischen Spätsommer
Ich bin im Spätsommer unterwegs, allein in Schweden. Die Tage sind noch warm, die Abende schon kühl. Genau dieses Licht, das jetzt langsam weicher wird, mag ich. Auf dem Götakanal habe ich Zeit, es in Ruhe zu beobachten.

Schleusenfahrt bei Berg am Götakanal
In Berg fährt das Schiff in die Schleusentreppe Carl Johan ein. Sieben Kammern liegen vor uns. Wasser rauscht ein, dann Stille, dann wieder ein Schwall. Tore knarren, alles dauert. Ein Schwede lehnt sich über die Reling und erzählt, dass er als Kind hier mit dem Rad entlanggefahren ist, um die Schiffe zu sehen. Jetzt steht er selbst an Bord, zum ersten Mal. Wir lachen, weil kaum etwas passiert – und es trotzdem spannend ist.
Bordleben und Landschaft entlang des Kanals
An Bord spürt man sofort den Charme vergangener Zeiten: glänzendes Messing, warmes Holz, kleine Kabinen, die gemütlich und stilvoll eingerichtet sind. Später am Nachmittag stehe ich am Geländer auf dem Achterdeck, eine Tasse Kaffee in der Hand. Ein paar Mitreisende plaudern, eine Stewardess bringt Blaubeermuffins vorbei. Das Schiff schiebt sich langsam durch die Landschaft: Wälder, Wiesen, rote Holzhäuser. Vom Ufer winken ein paar Angler herüber. Ich winke zurück, so macht man das hier.
Zwischenstopp in Motala und am See Boren
In Motala legt das Schiff am See Boren an. Direkt am Ufer liegt das Motormuseum. Die Ausstellung widmet sich vor allem alten Autos und Motorrädern. Normalerweise mache ich mir nichts daraus. Aber diese alten Gefährte haben Charakter. Breite Kotflügel, viel Chrom, viel Farbe. Ich bleibe vor einem babyblauen Flakmoped stehen, einem schwedischen Transportmoped mit kleiner Ladefläche. Jahrzehntelang hat man so etwas für Einkäufe oder auf dem Hof genutzt. Dieses hier ist sogar mit einem Cadillac-Motor ausgestattet. Kultig, praktisch, und irgendwie auch ein bisschen verrückt.


Wetterumschwung auf dem Vätternsee
Auf dem Vätternsee ändert sich das Wetter plötzlich. Erst liegt die Sonne über dem Wasser, dann zieht eine graue Wand heran. Der Wind frischt auf, Böen peitschen über die Wellen, die Luft wird spürbar kühler. Ich ziehe meine Regenjacke aus dem Rucksack und bin echt froh, dass ich sie noch eingepackt hatte. Das sei typisch für den See, informiert mich der Schwede. Der Nebel legt sich wie ein Schleier über die Landschaft, Bäume und Häuser verschwimmen. Alles wirkt nun noch stiller, beinahe mystisch.
Ankunft in Mariestad am Vänernsee
Am Ostufer des Vänernsee endet die Fahrt in Mariestad. Schon beim Einlaufen sehe ich die vielen Wohnmobile, alle so geparkt, dass man direkt über den See blickt. Am Hafen reihen sich Cafés und kleine Imbissstände, dazwischen stehen Bänke und Tische. Menschen sitzen draußen, trinken Kaffee oder essen Fisch. Die Stimmung ist gelassen, jeder lässt den Blick in die Weite schweifen.
Abends treffe ich hier am Hafen auf eine kleine Runde aus Einheimischen und Gästen. Über dem offenen Feuer hängen kleine Bretter mit Lachs, der langsam gart. Die Flammen knistern, es riecht nach Rauch und Salz. Wir sitzen zusammen, essen Flammlachs mit Brot, reden über Reisen, über die langen Sommerabende. Alles entspannt und genau meins: draußen sitzen, gutes Essen, einfache Gespräche.


Der Götakanal ist nichts für Eilige. Er schenkt Zeit. Zum Zuschauen, zum Erinnern, zum Reden. Für mich bleibt das Bild von Wasser, das langsam steigt, von Nebel über dem Vätternsee, und von einem Sommer, der sich so leicht anfühlt wie damals in Kindheitstagen.
Ihre Odile Born


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